HANNA

SCHAICH

“der rote Nissan sunny”

 

Die Autotür fällt zu und ich sage meinen so gut bekannten Text auf: Ja, ich studiere, (immer etwas anderes), ich bin 19, 20, 21 und dann fährt das Auto los. 

 

Abgehetzt und genervt sitze ich im Auto, in diesem roten Nissan Sunny mit dem Schiebedach. Ich hatte keinen Führerschein, aber den Schlüssel dafür. Der Grüntee aus der Flasche war schon fast leer, ungeduldig sauge ich das Saure aus den Gummischlangen und frage mich, wann sie endlich kommt. Ich drehe den Zündschlüssel um, lege die Kassette ein, drücke auf play: You’re the color, you’re the movement and the spin, never could it stay with me the whole time long, ich summe leise mit, entspanne mich, zünde eine Zigarette an, es war vorbei, zumindest für heute, und hoffte, dass es bis übermorgen reichen würde. 

 

Aus der Ferne sehe ich sie kommen, mein Herz beginnt zu klopfen, sie kommt mit den Anderen, die Namen wusste ich nicht mehr. Vor einiger Zeit ging auch ich mit Ihnen, doch irgendwie und irgendwo hatten sie sich verloren. Ich konnte nicht genau sagen wann das angefangen hatte, doch eines wusste ich, diesem Teil hatte ich den Rücken zugekehrt, um in eine Welt zu gehen, die so viel Fantasie abverlangte, dass in der Realität oft keine Kraft mehr war. Die Angst davor entdeckt zu werden, und deshalb den Weg alleine ging.

 

- Na du? Wo bist du denn? Dein Blick ist so nach innen gekehrt.

- Ich hasse es zu warten und will eigentlich nur weg von hier.

- Okay, ja, wir fahren ja gleich. Mein Tag war übrigens gut, danke der Nachfrage.

 

Ich hatte es ihr nicht gesagt, ich wusste nicht ob sie es wusste oder ahnte, aber genau um das ging es, nicht in der Realität zu sein, einen Ort zu haben an dem das alles nicht spürbar war, einen Ort der Zuflucht. So dachte ich damals, und wusste nicht, dass ich es später bereuen würde. 

 

Ich erwache schwitzend in meiner Berliner Altbauwohnung, mein Herz rast. Ich versuche mich zu verorten. Ich musste eingeschlafen sein. Auf der Couch. Wie spät ist es? Die Helligkeit, die blendet, alles ist verschwommen. 22:36. Ich war froh eingeschlafen zu sein. Die letzen Tage und Nächte waren schlaflos. Doch erleichtert, aufgewacht zu sein, aus dem Traum der Realität. Atme. Ich war zu aufgewühlt um wieder einzuschlafen. Der metallene Geschmack im Mund, der Puls der nicht hinunter geht. Wasser, Kippe. Ich gleite barfuss auf den kalten Dielenboden, die Luft ist noch kälter. Langsam bewege ich mich durch den Flur, der niemals zu Enden scheint. Badezimmer, Wasser ins Gesicht. Das Licht, grell ,schmerzend. Ich versuche mein Gesicht zu erkennen, versuche zu verstehen. Tief im Inneren weiß ich es. Dieser rote Nissan Sunny. Sie nahmen die erste Ausfahrt rechts. Vorbei am Arbeiterstrich. Fuhren auf den Gürtel. Die Kinos, die Straßenkatzen, die Oper, das Krankenhaus, alles zog vorbei. In der Ferne die Umrisse der Müllverbrennungsanlage. Bei Spittelau fuhren sie ab. Ließen die Umrisse und Lichter der Stadt hinter sich. Hinein ins flache Land. An manchen Tagen kam es mir unendlich und weit vor, an anderen wollte ich einfach nur brechen, da es mich so ankotzte. Sie fuhren den kleinen Hügel hoch, der, der zum Friedhof führte. Die Autositze nach hinten geklappt, der Six-Pack noch im Kofferraum verstaut. Diesen brauchten sie erst später. Never leave me paralyzed love… Wasser. Ich brauche Wasser. Gierig trinke ich fast einen ganzen Liter.  Ich hatte gehofft, die Zeit hinter mich zu bringen. Doch nun kam alles, wie ein betäubender Schlag, zurück. Ich tapse in die Küche, zünde eine Zigarette an und weiß, dass ich nicht mehr einschlafen kann. Ich suche nach Rotwein, Weißwein, irgendetwas, doch es gibt nichts. Bier kann ich seit damals nicht mehr trinken. Mürrisch mache ich mir einen Kaffee und versuche den Traum beiseite zu schieben. Mit dem Kaffee in der einen, mit der Kippe in der anderen Hand, gehe ich auf den Balkon. Es war dunkel. Die Nacht sternenklar. Ich versuche den hellsten auszumachen, doch verliere ihn, immer wieder. Ihre Worte in meinen Ohren: Siehst du die Sterne? Einer davon ist er und schaut auf dich hinunter. Die Worte. Damals. So tröstend. Fuck. Auf dem Friedhof damals und auch heute tröstet mich der Blick nach oben. Dieses Gefühl, dass da noch mehr ist. Die Weite. Weg von der Enge. Wann fing das alles an? Wir sangen Playback. Zu den Backstreet Boys. Quit playin' games with my heart. Seit ein paar Monaten schon trug ich nicht mehr diese langen blonden Locken. Ich hatte nun einen „Bubikopf“. Dieses Mädchen, das sich in mich verliebte. Die Mutter, die es so laut sagte, fast schrie, nur um sicher zu gehen, dass ich es hörte: Das ist kein Junge, das ist ein Mädchen. Und Mädchen verlieben sich nicht in Mädchen. Deep within my soul I feel Nothing's like it used to be. Ich verstand nicht. Die Unsicherheit, das nicht verstehen, nicht begreifen können. Und das war erst der Anfang. Fokussier dich. Don’t go down that memory lane. Ich bemerke erst jetzt, dass mein Herz rast. Schon wieder.  Das Gefühl, wie ein Tiger im Käfer. Wut. Enge. Raus. Geh Raus!! Der metallene Geschmack im Mund will nicht verschwinden. Seit damals Titan im Mund, zwischen den Rippen, durch die Brüste, durch die Lippe und die Hand. Die drei waren die letzen die geblieben sind. Diese drei Stück. Auf der Zunge. In einer geraden Linie. Sie hatte zwei. Übereinandergelegt ergaben sie, ergaben wir ein Plus. Der Geschmack im Mund. Fahl. Der Kaffee. Kalt. Geh Raus! Geh raus!

 

Späti oder Bar? Bar oder Späti? – Wann hatte das angefangen? Diese Unentschlossenheit. Ich entscheide mich für die altbewährte Tradition – eine Münze zu werfen. Kopf für den Späti, Zahl für die Bar. Es wird der Kopf, doch irgendwie fühlt sich das auch nicht richtig an. Gegen die Bar spricht der viel zu lang verdrängte Kontostand. Die Zahlen - Rot – der Wunsch sofort wieder ins Bett zu gehen. Luxusprobleme, denk ich, denkst du dir vielleicht. Fuck it. Ich muss raus. Will nicht alleine sein.

 

Ich ziehe meinen Hoodie über, um hinaus in die Nacht zu gehen. Ein letzter Blick über die Schultern. Ich hatte die Fenster offen gelassen. Die Verdunklungs-Vorhänge die ich bestellt hatte schwebten über mir. Sie kamen letzte Woche, und es war die beste Investition seit langem. Nach dem Lauten, dem Schwitzen, der Verschmelzung der Körper. Vergessen – den Raum, die Zeit. Im Rausch. Und nicht ans übermorgen denkend. Ab Mitternacht wurde die TechnoLine freigeschalten. Wir hatten die Nummer. Die Wegbeschreibung war auf die Mailbox gesprochen. Smartphones gab es noch nicht. So oft fuhren wir, in diesem roten Nissan Sunny, durch die Felder. Ins Nichts. Vorbei an Nadelholzwäldern. Irgendwann im Nirgendwo ankommend. Seit damals konnte ich mich verlieren. Im Dunklen. Im Takt, konnte Vergessen, Verschmelzen, im Takt mit der Musik. 

 

Wein oder Whiskey? Whiskey oder Wein? - Einen Whiskey Sour, bitte. Die Nacht war noch jung. Die Menschen verschmelzen mit dem Kerzenlicht und den Lichtern ihrer Smartphones. Augenkontakt, unmöglich. Ich frage mich wo die Leute gerade sind. Auch ich will weg, weg von den Gedanken, werde zum Spiegelbild. Smartphone raus. Klicke apathisch auf den Bildschirm. Aktualisiere ständig meine Emails und Nachrichten. Ich wusste, das ist kein gutes Zeichen. Die Strategie zu flüchten, aus Angst, vor Verletzung, Zurückweisung, in eine andere Welt, an einen anderen Ort. Ich hatte es ihr nicht gesagt, ich wusste nicht ob sie es wusste oder ahnte, aber genau um das ging es, nicht in der Realität zu sein, einen Ort zu haben an dem das alles nicht spürbar war, einen Ort der Zuflucht, aus Angst sie zu verlieren. So dachte ich damals, und wusste nicht, dass ich es später bereuen würde. -  Noch einen Whiskey Sour, bitte.

 

Wütend schiebe ich das Telefon bei Seite. Klick Der Asphalt noch blutverschmiert, ihr obsessives Schmetterlinge malen, die durchschossenen Schallplatten neben den Spritzen, der Sarg mit dem Verweis INFEKTIONSGEFAHR. Die Bilder überschlagen sich. Ein weiterer Stern, eingereiht unter vielen. Fokussier dich. Du bist in einer Bar, in Berlin. Gucke dir das Kerzenlicht an, konzentriere dich auf deine Umgebung. Die Farbe der Cocktailkirsche. Rotschimmernd in dem orange leuchtenden Drink. Ich beiße hinein, die Kirsche zerplatzt in meinem Mund. Die Flüssigkeit breitet sich aus. Ein klebriges, glitschiges Gefühl. Alles rinnt über die Beine. Die Hose hinunter. Bahnt sich einen Weg durch Öffnungen. Alles voll, voller glitschiger, klebriger Masse. Ich wusste nicht wie viele es waren. Sechs, sieben, acht? Es war auch egal. Ich war in einer anderen Welt. An einem anderen Ort. Und sie? Sie wartete draußen, in diesem roten Nissan Sunny. Ich hatte es ihr nicht gesagt, ich wusste nicht ob sie es wusste oder ahnte, aber genau um das ging es, nicht in der Realität zu sein, einen Ort zu haben an dem das nicht spürbar war, ein Ort der Zuflucht. So dachte ich damals, und weiß heute, dass ich wollte, dass sie es wusste, mich in den Arm nimmt und sagt: Alles wird gut.